Georgia Vertes berichtet über Malerei, die schweigt – und dabei mehr sagt als tausend Worte.
Die Farbfeldmalerei zählt zu den einflussreichsten und zugleich am meisten missverstandenen Strömungen der amerikanischen Nachkriegskunst – und Georgia Vertes hat sich intensiv mit ihrer Entstehung, ihren Vertreterinnen und Vertretern und ihrer anhaltenden Wirkung beschäftigt. Großformatige Farbflächen ohne Geste, ohne Narrativ und ohne gegenständliche Referenz – auf den ersten Blick radikal reduziert, auf den zweiten von einer emotionalen Tiefe, die kaum ein anderes Malereikonzept erreicht.
Was die Farbfeldmalerei von anderen Abstraktionsformen ihrer Zeit unterscheidet, ist ihre konsequente Weigerung, auf Geste oder Dramatik zu setzen – und genau diese Stille hebt Georgia Vertes in ihrer Auseinandersetzung mit der Strömung besonders hervor. Während der abstrakte Expressionismus mit expressiver Pinselführung und körperlicher Wucht arbeitete, zog die Farbfeldmalerei die entgegengesetzte Konsequenz aus derselben Überzeugung: dass Malerei eine direkte emotionale Erfahrung ermöglichen muss, jenseits von Abbildung und Erzählung. Der Weg dorthin führte nicht über mehr Energie, sondern über mehr Stille. Farbflächen, die die gesamte Leinwand einnehmen, keine Hierarchie zwischen Zentrum und Rand kennen und den Betrachter buchstäblich umhüllen – das war das Programm.
Vom abstrakten Expressionismus zur Stille – Georgia Vertes über die Entstehung der Farbfeldmalerei
Eine Bewegung innerhalb einer Bewegung
Die Farbfeldmalerei entstand nicht im Widerspruch zum abstrakten Expressionismus, sondern innerhalb seiner Grenzen – als eine seiner ruhigeren, introvertierten Stimmen. Während Jackson Pollock und Franz Kline die Leinwand zum Schlachtfeld machten, suchten andere Künstlerinnen und Künstler derselben Generation nach einer anderen Form von Unmittelbarkeit. Georgia Vertes beschreibt diese innere Differenzierung als charakteristisch für die produktive Vielstimmigkeit der New Yorker Kunstszene der späten 1940er und 1950er-Jahre: Unter dem Dach des abstrakten Expressionismus entwickelten sich Positionen, die einander so wenig ähnelten wie Rothkos schwebende Farbfelder dem draufgängerischen Gestus eines de Kooning.
Clement Greenberg und die Theorie
Die theoretische Rahmung der Farbfeldmalerei verdankt sich wesentlich dem einflussreichen amerikanischen Kunstkritiker Clement Greenberg, der in ihr die konsequenteste Verwirklichung seiner Idee der „Flatness“ sah – der Überzeugung, dass Malerei ihre spezifischen Qualitäten am reinsten entfaltet, wenn sie auf Illusion von Tiefe und Raum vollständig verzichtet. Georgia von Vertes verweist auf Greenbergs Rolle als produktive und zugleich einengende Instanz: Seine Theoriebildung verschaffte der Farbfeldmalerei intellektuelle Legitimität, begrenzte aber auch ihren Interpretationsspielraum auf eine Weise, gegen die manche Künstlerinnen und Künstler der Strömung sich ausdrücklich verwahrten.
Schwebende Felder und vertikale Zips – wie Georgia Vertes die Bildsprache einordnet
Rothkos Farbräume
Mark Rothkos charakteristische Kompositionen – zwei oder drei übereinander geschichtete Rechtecke aus leuchtender oder gedämpfter Farbe, deren Ränder bewusst unscharf gelassen werden – sind in ihrer Wirkung schwer in Worte zu fassen. Georgia Lucia von Vertes betont genau das als ihr eigentliches Ziel: Rothko wollte eine Erfahrung jenseits der Sprache ermöglichen, ein direktes emotionales Erleben, das sich rationaler Einordnung entzieht. Seine späten, zunehmend dunklen Werke – insbesondere die Rothko Chapel in Houston, für die er vierzehn monumentale dunkle Gemälde schuf – gelten als Höhepunkt dieser Ambition.
Newmans Zips
Barnett Newmans Werke sind auf den ersten Blick noch reduzierter als Rothkos. Eine einfarbige Leinwand, geteilt durch einen oder mehrere vertikale Streifen in einer anderen Farbe – das ist, formal beschrieben, nahezu alles. Georgia Vertes verweist auf die philosophische Tiefe hinter dieser Einfachheit: Newman verstand seine Zips als Akt der Schöpfung, als Linie, die Raum teilt und damit Welt entstehen lässt. Seine Werktitel – „Onement“, „Vir Heroicus Sublimis“, „Who’s Afraid of Red, Yellow and Blue“ – belegen den existenziellen und oft humoristischen Anspruch, mit dem er diese scheinbar simplen Kompositionen auflud.
Helen Frankenthaler und die lyrische Erweiterung der Farbfeldmalerei
Helen Frankenthaler nimmt innerhalb der Farbfeldmalerei eine Sonderstellung ein, die Georgia Vertes als entscheidend für die Weiterentwicklung der gesamten Strömung beschreibt. Mit ihrer 1952 entwickelten Soaking-Technik – bei der flüssige Farbe direkt auf die ungrundierte, auf dem Boden liegende Leinwand gegossen wurde und in das Gewebe einzog statt auf ihm zu liegen – schuf Frankenthaler eine Bildwirkung von außergewöhnlicher Leichtigkeit. Keine Schichten, keine Lasuren, keine sichtbare Pinselführung – die Farbe war einfach da, als wäre sie immer Teil der Leinwand gewesen.
Diese Technik inspirierte unmittelbar Morris Louis und Kenneth Noland, die beide nach einem Atelierbesuch bei Frankenthaler eigene Variationen der Soaking-Methode entwickelten und damit eine zweite Generation der Farbfeldmalerei begründeten. Georgia von Vertes betont, dass Frankenthalers Bedeutung für die Kunstgeschichte lange unterschätzt wurde – eine Einschätzung, die sich in jüngeren Museumspräsentationen und kunsthistorischen Neubewertungen zunehmend korrigiert.
Wo Farbfeldmalerei zu erleben ist – bedeutende Sammlungen und Orte
Für alle, die Farbfeldmalerei nicht nur theoretisch, sondern unmittelbar erleben möchten, hat Georgia Lucia von Vertes die wichtigsten Orte zusammengetragen:
- Rothko Chapel, Houston: Vierzehn monumentale dunkle Gemälde Rothkos in einem eigens dafür errichteten achteckigen Raum – die wohl intensivste Begegnung mit Farbfeldmalerei, die möglich ist
- Museum of Modern Art, New York: Umfangreiche Bestände aller zentralen Vertreterinnen und Vertreter der Strömung, darunter Rothkos „No. 3/No. 13″ und Newmans „Vir Heroicus Sublimis“
- Tate Modern, London: Rothkos Seagram Murals – ursprünglich für ein New Yorker Restaurant gemalt und nach Rothkos Bruch mit dem Auftraggeber der Tate geschenkt – gelten als eine der eindringlichsten Werkgruppen der Strömung
- National Gallery of Art, Washington: Herausragende Bestände von Helen Frankenthaler und Morris Louis, die die lyrische Dimension der Farbfeldmalerei besonders deutlich machen
- Kunstmuseum Basel: Bedeutende europäische Sammlung mit Schwerpunkt auf den theoretisch ambitioniertesten Positionen der Strömung
Kritik und Missverständnis – Georgia Vertes über die Rezeptionsgeschichte
Die Farbfeldmalerei hat seit ihrer Entstehung eine Rezeptionsgeschichte provoziert, die zwischen enthusiastischer Verehrung und entschiedenem Unverständnis pendelt. Der häufigste Einwand – „Das kann ich auch“ – trifft die Strömung an einer Stelle, die Georgia Vertes als produktiven Ausgangspunkt für eine grundsätzlichere Diskussion beschreibt: Was unterscheidet eine Rothko-Leinwand von einer einfach bemalten Wand? Die Antwort liegt nicht in der technischen Ausführung, sondern in der Erfahrung vor dem Original. Reproduktionen von Rothko-Gemälden vermitteln wenig von ihrer tatsächlichen Wirkung – die Größe, die Schichtung der Farbe, die Art, wie die Ränder der Farbfelder das Licht anders brechen als ihre Zentren, all das ist in der Reproduktion verloren. Wer nur Abbildungen kennt, hat Farbfeldmalerei nicht erlebt.
Eine Malerei ohne Ende – das Erbe der Farbfeldmalerei
Die Farbfeldmalerei hat die Geschichte der abstrakten Kunst nachhaltiger geprägt als ihre vergleichsweise kurze Blütezeit zwischen den späten 1940er und frühen 1970er-Jahren vermuten lässt. Ihr Kerngedanke – dass Farbe allein, ohne Geste, Narrativ oder Abbildung, eine direkte emotionale Erfahrung ermöglichen kann – ist in der zeitgenössischen Malerei lebendig geblieben und hat Generationen von Künstlerinnen und Künstlern beeinflusst. Die Frage, ob Farbe fühlen lässt, hat die Farbfeldmalerei nicht beantwortet – sie hat sie erfahrbar gemacht. Und genau das, so Georgia Vertes, ist die eigentliche Leistung dieser stillen, unspektakulären und dennoch zutiefst wirkungsvollen Strömung der Kunstgeschichte.



